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Bürgerversammlung Programm Bodenständig 2020 in Buchschwabach

Bürgerversammlung boden:ständig Gemeinsam zum Schutz vor Unwetter

Starkregen, Schlammabtrag, Infrastruktur zur Ableitung von Oberflächenwasser. Können Bürger hier mit einwirken? Am 03.02.2020 fand um 19Uhr im Schützenheim Buchschwabach eine Bürgerversammlung statt. Es ging um das Programm boden:ständig. Kernthema war: Wie kann die Gemeinde Roßtal gemeinsam mit Bauern und Grundstückseignern sinnvolle Lösungen gegen Unwetterereignisse und Bodenerrosion in und um Buchschwabach schaffen? Immer wieder leidet Buchschwabach unter Starkregen und überfluteten Kellern.

Herr Ruhland legte den Ist-Zustand in und um Buchschwabach detailiert dar.

Die Probleme sind vielfältig. Es gibt viele Ansätze zur Verbesserung. Um etwas zu erreichen müssen Landwirte, Grundbesitzer und die Gemeinde Roßtal sich langfristig an einen Tisch setzen. Hierzu haben sich Vertreter der Gemeinde Roßtal mit dem Amt für ländliche Entwicklung und das Ingenieurbüro Christofori kompetente Unterstützung geholt. Denn sowohl die Topografie von Buchschwabach als auch eine veraltete Infrastruktur, die optimierte Nutzung landwirtschaftlicher Flächen und knapp geplante Baugebiete spielen ebenso eine Rolle, wie seit Jahren verschleppte oder abgelehnte Maßnahmen. Durch die zahlreichen Wortmeldungen wurde klar: Es ist Zeit etwas zu tun.

Herr Ruhland spricht über das Programm Boden:ständig in Buchschwabach

Appell: Gehen wir es gemeinsam an

Detailiert wurde der aktuelle Ist-Zustand in Bezug auf drohende Risiken und Ursachen vergangener Ereignisse dargelegt. Im Rahmen der gut besuchten Veranstaltung wurde detailiert der Ist-Zustand präsentiert. Herr Ruhland gab Einblicke in die Untersuchung von 8 Teileinzugsgebieten. Die Begehungen vor Ort haben laut ihm häufig mit lokalen Wissensträgern und Eigentümern stattgefunden.

Bei dem Planungskonzept „boden:ständig“ arbeiten verschiedene Ämter mit den Landwirten und den Grundstückseigentümern zusammen. Gemeinsam sollen kostengünstige und sinnvolle Lösungen entwickelt werden. Ebenso wurden Lösungsansätze aufgezeigt und von Seiten der Gemeinde und beteiligter Stellen und Planer die Hand gereicht. Es stehen zahlreiche Maßnahmen zur Diskussion:

  • Ertüchtigung bestehender Entwässerungsmulden (Rigolen)
  • Anhebung der bestehenden Wege, Rückhaltung, Geländeprofilierung
  • Ackerrandstreifen als „Pufferstreifen“
  • Sedimentfänge anlegen
  • Querbewirtschaftung der Äcker….

Die Marktgemeinde Roßtal wird laut Herrn Völkl bereits im Februar 2020 mit der Sanierung der Rigolen im Gewerbegebiet Buchschwabach beginnen um dort die Entwässerung wieder tauglich gegen Starkregen zu machen.

Bürgermeister Völkl in Buchschwabach zum Programm boden:ständig Januar 2020
Bürgermeister Völkl in Buchschwabach zum Programm boden:ständig Januar 2020

Aus dem Publikum kam auch der Vorschlag, den Flurbereinigungsweg vom Gewerbegebiet zum Raitersaicher Weg zu erhöhen um so einen Damm zu schaffen. Laut weiterer Wortmeldung wurde dies bereits vor Jahrzehnten abgelehnt.

In kleinen Schritten zu mehr Schutz vor Unwettern in Buchschwabach

Herr Christofori machte nachvollziehbar klar, dass der positive Effekt durch die gemeinsame und verschiedenartige Kombination kleiner Maßnahmen zum Erfolg des Projekts beitragen wird.

Im gemeinsamen Dialog ist nun die Basis gelegt um langfristig Schutz in Buchschwabach gegen Elementar-Ereignisse zu schaffen und speziell die Bürger im Kernort Buchschwabach vor Überflutung, Rückstau und Schlamm zu schützen.

Bürgerversammlung Programm Bodenständig 2020 in Buchschwabach
Bürgerversammlung Programm Bodenständig 2020 in Buchschwabach

Die Bürger haben es in der Hand

Bürgermeister Völkl ludt die Zuhörer der Bürgerversammlung zu gemeinsamen Dialog ein. Dass das Thema in Buchschwabach ein „heißes Eisen“ ist wurde bei den zahlreichen Wortmeldungen deutlich. Landwirte, Anwohner, Feuerwehrmitglieder trugen ihre Sicht der Dinge bei. Immer wieder luden Herr Völkl und die am Projektaufbau Beteiligten zum neutralen und gemeinsamen Dialog ein.

Ebenso fing Herr Völkl in einer kurzen Abstimmung per Handzeichen die akutelle Stimmungslage im Zuhörerraum ein. Eine große Mehrheit sprach sich für den Beginn des Programms boden:ständig aus. Zugleich äußerten sich einzelne Bürger sorgenvoll um die Belange des Kernortes und beäugten die Planugsvorschläge kritisch. Die weiter darauf folgende Bürgerdiskussion rundete den Abend ab. Selbst nach Ende der Veranstaltung fanden sich viele Bürger zum gemeinsamen Gesprächen zusammen um über den Ist-Zustand und mögliche Maßnahmen zu diskutieren.

Neben knapp 90 Bürgern, Fachverantwortlichen, Projektbeteiligter und Zuhörer zeigten sich unter anderem auch die Bürgermeisterkandidaten Rainer Gegner (SPD), Renate Krach (CSU) sowie Mitglieder der GRÜNEN. Ebenso waren weitere Mitglieder des Marktgemeiderates anwesend.

Bild Buchschwabach und Nichia

Nichia und Buchschwabach

Im Jahr 1998 zeigte die Firma Nichia großes Interesse an einem Grundstück in Buchschwabach. Nichia ist ein Unternehmen aus Japan und hatte seit 1993 eine deutsche Zweigstelle in Nürnberg. In Buchschwabach sollten in großem Umfang Leuchtstoffe recycelt werden. Allerdings scheiterte die Ansiedelung am Wiederstand der Bevölkerung. Dort bereitete der enorme Wasserverbrauch für den Industrieprozess große Sorgen. Ebenso wurden Einträge durch ausgewaschene Giftstoffe über das Abwasser in die Umwelt befürchtet.

Nichia wurde 1956 in Japan gegründet. In den 1990er Jahren war das Unternehmen führend in der Produktion von Leuchtstofflampen. Später debütierte Nichia als erstes Unternehmen mit der Produktion von blauen und weißen LEDs. Ein Potenter Investor als Chance für Roßtal und Buchschwabach?

Chance für Buchschwabach und Roßtal?

Nachdem die Pläne zur Ansiedelung von Nichia in Buchschwabach bekannt wurden, regte sich Widerstand. Die Bitte der Bürgerinnen und Bürger war, das Genehmigungsverfahren nicht nach dem Baurecht, sondern nach dem Bundesimmissionsschutzrecht durchzuführen. In der Planung teilte das Unternehmen Nichia einen täglichen Wasserbedarf von ca. 330.000 Litern mit. Zugleich wären jeden Tag ca. 280.000 Liter vorgeklärtes Abwasser angefallen. Laut Zeitzeugen hätte dies die Gewässer des Ortes mit damals knapp 700 Einwohnern komplett überfordert. Speziell für den Schwalbach sah man Gefahr. Zudem brachten Bürger von Buchschwabach in Erfahrung, dass beim Recycling der Leuchtstoffe unter anderem Chrom VI-Verbindungen und Kobalt ausgewaschen worden wäre. Der Bürgerprotest zog im Sommer 1998 bis vor das Rathaus in Roßtal. Dort stieß der Widerstand auf wenig Gegenliebe. Denn von Nichia wurden Investitionen über 30 Millionen D-Mark sowie 30 Arbeitsplätze erwartet. Ebenso hätten aus dem Verkauf von Gemeindewasser an das Unternehmen hohe Einnahmen entstehen können. Aus rein wirtschaflticher Sicht des damaligen Bürgermeisters eine große Chance für Buchschwabach und Roßtal.

Genehmigung und Eskalation

Am 16.06.1998 berichteten die Fürther Nachrichten von der Genehmigung durch das Landratsamt. Die extra gegründete Bürgerinitiative „Gewerbegebiet Alter Flugplatz“ lief mit knapp 100 Mitgliedern nun Sturm gegen das Vorhaben. Laut dem damaligem Geschäftsführer von Nichia Europe, Herrn Michael Feicht, sollten verunreinigte Leuchtstoffe, die bei der Herstellung von Farbbildröhren dort nicht haften geblieben sind, als Schlamm in Eimern nach Buchschwabach gebracht und dort reycelt werden. Aus seiner Sicht ginge von der Anlage keine Gefahr aus. Eine stundenlage Bürgerversammlung brachte keine Einigung. Wo heute unter anderem die Firmen Fahrzeug Altmann und Konferenztechnik Petri stehen, sollten damals für 10.000 Quadratmetern Recyclingbetrieb bald die Bagger rollen. Zugleich konnten viele Fragen zu Ausmaß der Schadstoffmengen sowie der Einleitung von vorgeklärten Abwässern nicht final geklärt werden. Sowohl der der Bach Schwalbach als auch der Ort Buchschwabach sind bei Starkregen hochwasserkritisch. Die Stimmung entlud sich immer wieder u.a. in Bürgertreffen im übervollen Gastraum vom Roten Roß.

Umzug nach Schwabach und Finale

Schließlich zog Nichia seine Pläne zurück. Am 12.01.1999 berichteten die Nürnberger Nachrichten, dass es für Nichia eine zweite Chance im zehn Kilometer entfernten Schwabach geben könnte. Der dortige Bürgermeister lobte aus, das Unternehmen mit offenen Armen zu empfangen. Auf 24.000 Quadratmetern sollten nun 40 Millionen DM investiert werden. Zugleich sollte der Sitz der deutschen Tochterfirma von Nürnberg ebenfalls nach Schwabach verlegt werden. Der Standort neben der Schwabacher Müllverbrennungsanlage schien optimal. Am 29.01.1999 kam es bei einer Bürgerversammlung in Schwabach zu lautsarkem Protest. Schließlich berichteten die Nürnberger Nachrichten am 02.02.1999, dass die Pläne in Schwabach nun ebenfalls aufgegeben wurden.

Die Jahre in Buchschwabach nach Nichia

Später entstand aus der „Bürgerinitiative Gewerbegebiet Alter Flugplatz“ der Bürgerverein Markt Roßtal, kurz BVMR. Es folgten in Deutschland einige wirtschaftlich schwierige Jahre. Und sowohl Wohn- als auch Gewerbegebiete entwickelten sich in Buchschwabach kaum weiter. Knapp zehn Jahre später entstand am gleichen Gelände eine Diskussion um ein mögliches Asphaltmischwerk im Gewerbegebiet Buchschwabach.

Quellen zum Beitrag

  • 7) Bürgerverein Markt Roßtal BVMR zu Nichia und Buchschwabach (link)
  • 6) Nürnberger Nachrichten 02.02.1999, Rubrik Regionales
  • 5) Nürnberger Nachrichten 29.01.1999, Rubrik Regionales
  • 4) Nürnberger Nachrichten 26.01.1999, Rubrik Regionales
  • 3) Nürnberger Nachrichten 12.01.1999, Rubrik Regionales
  • 2) Nürnberger Nachrichten 17.08.1998, Rubrik Meinung
  • 1) Gespräche mit Zeitzeugen